Die Strenge ist den meisten Menschen unangenehm und wird von ihnen gemieden. Bei dessen Erleben an sich selbst, hinterlässt sie bei vielen Menschen ein Empfinden der Demütigung und der Scham. Gefürchtet und bekämpft von den Lauwarmen und streng gefordert von Beschädigten, wird sie zugleich von Ermächtigten im Namen eines Auftrags mit Herzenshärte beliebig nach ihren Launen für sich beansprucht.
Die Strenge wird auf widerliche Art vom Menschenverstand missbraucht. Denn kaum ein Begriff lässt sich so leicht verdrehen und Leid auslösen. Was ursprünglich der Ordnung, Klarheit und Gerechtigkeit dienen soll, wird vom Verstand dazu benutzt, Macht, Herrschaft und Eigeninteressen zu rechtfertigen.
Im Land wird Toleranz für unnatürliche und ungerechte Dinge gefordert, damit Menschen in Machtpositionen ungestraft ihre Verbrechen fortsetzen können. Gleichzeitig wird vom deutschen Volk unter willkürlicher Strenge eine große Opferbereitschaft verlangt, während das Land des deutschen Geistes der Freiheit ausgeplündert, zerstört und fremden Interessen dienstbar gemacht wird.
Die Methoden dazu reichen bis in die kleinsten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hinein und verbergen sich hinter wohlklingenden Begriffen wie Gesundheit, Bildung oder Fortschritt. Doch hinter diesen Masken stehen Lüge, Betrug und Boshaftigkeit. Das angebliche Dienen zum Wohl des Volkes aus dem Munde der Mächtigen ist in Wahrheit Verrat und Hohn gegenüber dem eigenen Volk.
Streng war die Schule, als der Lehrer den Träumer mit dem Holzlineal auf die Fingerspitzen schlug. Streng war der weiße Gutsherr, der seinen schwarzen Sklaven auf den Rücken peitschte. Streng waren die Nonnen, die den Waisenkindern Freundschafts- und Sprechverbot sowie Peitschenhiebe erteilten. Streng war der Richter, der hungernde Diebe wegen der Wilderei eines Kaninchens ins Gefängnis werfen ließ. Streng forderte der Ballettlehrer von seinen Schülern, bis zu blutigen Füßen und zur völligen Erschöpfung den Tanzschritt vollkommen auszuführen. Streng war der Zirkusdompteur, der den Löwen durch seinen Reifen springen lassen wollte und ihn dabei schlug, bis er sich beugte.
Allen diesen Beispielen ist gemeinsam, dass nicht die Gerechtigkeit im Mittelpunkt steht, sondern der Wille eines Menschen, seine Macht über andere durchzusetzen.
Strenge ist oft ein Synonym für selbstsüchtige Erbarmungslosigkeit. Sie gehört zu den Begriffen, die am meisten missbraucht werden. Nach Menschenart ist sie häufig physische und seelische Gewalt. Sie wird von Herrschenden missbraucht und unter der Maske des Wohls der Menschen gerechtfertigt.
Doch was versteht man allgemein unter Strenge?
Der Duden nennt fünf Bedeutungen von Strenge: im Verhalten, in der Ästhetik, in der Ausübung, bei Sinneserfahrungen und in der Beschaffenheit von Elementen.
- Haltung, Einstellung: Härte, Unerbittlichkeit.
- Herbheit: Strenge des Mundes.
- Gestaltung und Ausführung: straffe, schnörkellose Linienführung, Exaktheit, Logik sowie äußerst gründliche und objektive Befolgung von Regeln und Methoden, zum Beispiel in der Mathematik oder die klassische Strenge eines Bauwerks.
- Starke Intensität bei Sinneseindrücken: Geruch von beißender Strenge.
- Beschaffenheit von Elementen: Schärfe, Rauheit, zum Beispiel die Strenge des Frostes oder des Winters.
Der Duden erwähnt weder die Erziehung als liebevolle Durchsetzung klarer Regeln mit verständlichen Konsequenzen noch die Gerechtigkeit der Strenge als Schutz und Bewahrung der Tugenden und des Wahren. So bleibt in der deutschen Sprache vor allem das Bild einer herzlosen und unerbittlichen Strenge zurück.
Entsprechend wird Strenge in der Erziehung heute vielfach abgelehnt. Eltern möchten weder kaltherzig noch gewalttätig sein. Sie wünschen sich gesunde, fröhliche und kluge Kinder, die sich gut in Kindergarten und Schule entwickeln und später ihren Platz in der Gesellschaft finden. Gleichzeitig sollen sich Kinder wie auch Erziehende immer stärker den bestehenden Systemen anpassen.
Aus Angst, als autoritär oder gewaltsam zu gelten, werden klare Führung und natürliche Autorität häufig vermieden. So entsteht das entgegengesetzte Extrem: Das Kind erhält scheinbar immer mehr Freiheiten und wächst doch zugleich in einem System auf, das es auf subtile Weise lenkt. Es wird früh mit digitalen Medien, künstlicher Kommunikation und einer Flut fremder Bilder und Gedanken konfrontiert. Dadurch fällt es vielen Kindern zunehmend schwer, ihren eigenen Körper bewusst wahrzunehmen, eine innere Orientierung zu entwickeln und lebendige Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Grenzen erfahren sie dabei immer weniger.
Es ist ein Zustand der Extreme entstanden: ein extremes Laissez-faire einerseits und ein extremes Anpassen-Müssen an das Bildungssystem andererseits. Daraus entstehen Chaos, Unsicherheit, Sorge und Angst. So wird es sowohl den Kindern als auch den Erziehenden sehr schwer gemacht, auf einem gesunden und sicheren Fundament im Gleichgewicht aufzuwachsen und ein erfülltes, glückliches Leben zu entwickeln. Das macht Kinder aggressiv, unruhig, unkonzentriert und krank.
Die meisten Regeln und Gesetze werden vom Menschenverstand als Wahrheit erklärt, wissenschaftlich, gerichtlich, kirchlich oder gesellschaftlich begründet. Verstöße werden nach dem Ermessen des Verstandes mit Strafen korrigiert. Dabei wird der Regelverstoß mit aller „Strenge“ von einer ihm überlegenen Instanz belehrt, verurteilt und bestraft. Deren Stempel bleibt dem Betroffenen seelisch und gesellschaftlich oft lange erhalten.
Der Unterschied zwischen menschlicher und göttlicher Strenge wird besonders deutlich im Wirken Jesu.
Jesus ist in eine Welt der sogenannten „Strenge“ des Verstandesmenschen gekommen, in eine Welt voller Dogmen. Er beschrieb einen ganz neuen Gott der Liebe, der Barmherzigkeit in vollkommener Gerechtigkeit. Er erklärte die Naturgesetze, die einfach verständlich sind, und die Folgen ihrer Übertretung in der Menschenseele, auch nach dem Tod. Er lehrte den Menschen die Nächstenliebe, damit sie lieben, wie Gott die Menschen liebt. Gott vergibt denjenigen, die ihre Fehler und Schwächen erkennen und überwinden. Die innere Stimme, das Gewissen, soll dem Menschen dabei helfen, sein Leben gottgewollt zu führen. Denn Gott spricht leise zu der ewigen Seele. Das alles war neu.
Gottes Wille baut, entwickelt, fördert und veredelt unermüdlich alle Geschöpfe durch ihr Wirken. Er schickt Seine Kräfte überallhin, um Seine Geschöpfe und Seine vielen Reiche zu pflegen, zu stärken und zur Vervollkommnung zu bringen. Gott kennt keine Härte. Verursachen die Fehler der Menschen Schäden, so sind diese wieder gutzumachen. Fehlt den Menschen der Wille dazu, verstricken sie sich selbst und sinken in ihre selbst geschaffene dunkle Höhle. Dort leben sie im Leid, bis ihr Wollen sich zum Guten wandelt.
Der freie Wille betätigt die herrliche neutrale Kraft. Wie sie benutzt wird, entscheidet der Mensch selbst. Die Gerechtigkeit Gottes zeigt sich darin, dass die Rückwirkungen des Wollens den Menschen, gleichgültig ob auf Erden oder im Jenseits, in vielfacher Stärke wieder erreichen. Das ist seine Selbsterziehung und zugleich die Erziehung durch die Schöpfung. Will er daraus lernen, befreit er sich. Bemüht er sich fleißig und aufmerksam, ein guter Mensch zu sein, steigt er den lichten Höhen entgegen.
Auch das ursprüngliche Wirken Luzifers war nicht zur Vernichtung bestimmt. Er sollte wie ein liebevoller Gärtner sein und den Menschen beim Wachsen und Gedeihen helfen. Stattdessen verführte er sie zum Irrtum, sodass sie sich im Sumpf ihrer Wünsche, ihrer Eitelkeit und ihres Machtwahns selbst zerstören.
Nun gibt es Menschen, die sich anmaßen, in ihrer Besserwisserei wie ein Gott richten zu dürfen und dabei ihre Mitmenschen zu ihren eigennützigen Zwecken zu belehren, zu missbrauchen und zu verurteilen, wie es ihnen zum Vorteil gereicht. Viele dominante Menschen verwechseln die gerechte Strenge mit dem hemmungslosen Ausleben ihres Egos. Darin finden sie die Möglichkeit, sich von ihrem Inneren und ihrem Gefühl der Wertlosigkeit abzulenken. Sie berufen sich auf das (Selbst-)Urteil, alle Menschen seien faul und minderwertig und müssten deshalb in einer sogenannten strengen Liebe gezüchtet werden. Denn diese verachtenswerten Menschen seien nicht fähig, von sich aus zu erkennen, was für sie gut ist.
Die Dominierenden verstecken ihre Erbarmungslosigkeit und ihre Geltungssucht unter angeblich guten Absichten und einem besseren Wissen, das keines ist. Denn diejenigen, die wirklich wissend sind, belehren nicht, ohne darum gebeten zu werden. Sie missbrauchen und verurteilen keine Mitmenschen, weil sie ihnen Freiheit und Glückseligkeit im eigenen Erleben der wunderbaren Schöpfung wünschen. Sie suchen Wege, aus der gegenwärtigen Situation Gutes aufzubauen, das mit den Gesetzen der Schöpfung im Einklang steht. Andere abwerten zu müssen, um sich selbst zu erhöhen und Anerkennung zu erhalten, offenbart klar und deutlich, wem sie dienen.
In der bewusst geschaffenen chaotischen Welt, in der Werte entstellt und mit Füßen getreten werden, in der herrschende Menschen und Systeme darauf ausgerichtet sind, übergriffig, beraubend, unverschämt arrogant und lügenhaft zu wirken und in widerlichster Missachtung der Empfindungsmenschen Zerstörung zu bringen, ausgestattet mit allen Befugnissen der Macht und des Geldes und grob verborgen hinter einer Maske von Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, ist es von wesentlicher Bedeutung, sich an die gerechte Strenge im Gottesgesetz anzulehnen und den Mut zu haben, Nein zu sagen.
Wer sich dem Willen Gottes fügt, wird weder hart noch nachgiebig. Er lernt, seine Empfindung wahrzunehmen, sich nach ihr zu richten und dadurch wahrhaftig zu werden. Er erkennt, dass sowohl ein Nein als auch ein Ja in der Liebe schwingen können, und findet in dieser Klarheit inneren Frieden. Im Rechten wirkt er entschieden, ohne seine Kräfte im Kampf gegen Menschen zu vergeuden; vielmehr setzt er sie für den Aufbau des Guten ein.
Es ist schwer, in dieser heutigen Welt der „superlativen Mega-Ernten“ – der furchtbaren Ernten der zerstörerischen Wechselwirkungen der Menschheit aus Jahrtausenden des Erdenlebens – zu leben.
Aber es ist eine Gnade, gerade zu diesem Zeitpunkt auf Erden leben zu dürfen, um die Erlösung zu erreichen.
Mit dem gebührenden Ernst in unserem Selbsterkenntnisprozess müssen wir unsere eigenen Anteile an diesen furchtbaren Ernten erkennen und dürfen nicht in weichliche Traumwelten fliehen. Die Flucht dorthin vergeudet nur kostbare Zeit, die wir mit dem Erklingen des „Es ist zu spät“ bitter bereuen werden.
Stattdessen lenken wir die lichten Kräfte durch unser Wollen und Denken unermüdlich in das Dunkle – in uns selbst und um uns herum –, damit es endlich der Heilung und dem Aufbau zur Ehre Gottes weicht. Da werden wir die Formen der gerechten Strenge in der Liebe Gottes auch aus anderen Perspektiven empfinden und selbst anzuwenden lernen. Denn sie dient dazu, alles Gute zum Blühen und zur Reinheit zu führen.
Und wir werden mit dankbarer Bewunderung erleben, wie sich alles unter unseren Händen harmonisch fügt, und dabei eine tiefe Glückseligkeit empfinden.
Danken wir unserem Herrn und Gott für Seine unendliche Langmut und Güte!
Virginie Oehmigen

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